Lesestoff

Scherbenhaufen – Teil 1 [Kurzgeschichte]

24. Januar 2016

Heute gibt es wieder eine Kurzgeschichte, die ich auch vor einiger Zeit geschrieben habe. Ich habe sie ein wenig überarbeitet.

Glassplitter, Scherben bedeckten den goldbraunen Boden, blutbefleckt.
Berstende Teller, zerschellende Gläser, alles Bruchstücke, die versuchten die endlosen Tränen aufzufangen.
Ein stummer Schrei, die Stille zerreißend, ein Hilfeschrei erstickt von Tränen, untergehend in dem riesigen Haus, das nicht mehr dem Zuhause glich, das es einmal war.
Sie stand in der Küche, verzweifelt und erschöpft. Die Wände schienen sie schier zu erdrücken… Ein Kampf, den sie auf ihren Schultern austrug, ihr Kampf, der eigentlich nicht nur ihr eigener war.
Dieser eine Wunsch, war er so schwer zu erfüllen?
Er zerstörte alles, was sie in ihren vier Wänden aufgebaut hatte. Es war einmal eine gemeinsame Welt gewesen, die sich nun immer weiter zu entzweien schien. Es war ein Herzenswunsch, den nicht nur sie in sich getragen hatte. Ein gemeinsames Ziel, dass sie vor Augen gehabt hatten.
Sie hatten gedacht es wäre locker zu schaffen, es hätte wie von allein funktionieren können. Und es war fast erreicht gewesen! Allein dieser Gedanke stach mit einer Wucht in ihre Magengrube wie ein wütendes Messer auf sie ein.
Zusammengekrümmt saß sie auf dem Boden, nur die Tränen als ihre begleitenden, treuen Trostspender. Schmerz und Blut strömten gemeinsam aus ihr heraus, vermischt mit Leid und Kummer.
Klarheit, geordnete Gedanken, all das fehlte ihr.

Woran war sie jetzt?

Eine Frage, die leer im Raum stand zwischen allen Wunden und die teilweise und teilweise auch wieder nicht beantwortet werden wollte. Wohl aus Angst vor der Antwort.

Sie vernahm schwere Schritte und eine zufallende Tür.
Einsamkeit verschluckte alles und sie wusste nicht mehr was sie spürte.
Diese Schritte waren so fremd, so leer und eisern. So weit weg, distanziert und ungewohnt…
Sie gingen vorbei in ein anderes Zimmer, hinter andere Türen.
Hauptsache weg von ihr, dachte sie sich, und die betäubende Einsamkeit überkam sie erneut, damit sie den schreienden Schmerz spürte, der sie eiskalt quälte.
Es fiel ihr schwer weitere Tränen zu unterdrücken bei der Erkenntnis, dass sie vermieden wurde.
War denn alles vorbei?
Hoffnung und Mut?
Liebe und Unterstützung?
All jene Gefühle, die ihre Beziehung ausgemacht hatten, einfach verblasst?
Alle Sorge für den anderen, jene Leidenschaft, die sie so viele Jahre zusammengeschweißt hatte – hielt denn nichts mehr dieser Belastung stand?
Spürte sie allein das Bedürfnis diese Bürde dem anderen abzunehmen?
Sie wusste nicht, wie sie sich ihm nähern sollte. So sehr hatte sie es versucht, immer und immer wieder. Und doch war jeder Versuch fehlgeschlagen.
Sein fremdes, schüchternes Lächeln, der ausweichende Blick in dem sie, wenn sie ihn erwischte, Vorwürfe an ihn selbst, Schuldgefühle, Angst, Trauer und Leid erblickt hatte. Genau dieselben Gefühle, die auch sie ertrug, und dennoch versuchte jeder das alles irgendwie allein zu bewältigen.

Bei ihr war es nicht nur das seelische – sie hatte den Schmerz an ihrem eigenen Körper erfahren müssen. Und bei jeder Erinnerung daran kam dieses Gefühl wieder in ihr hoch.
Doch noch weniger ertrug sie es, dass er sich so von ihr distanzierte, anstatt sie zu stützen und nicht mehr mit ihr sprechen konnte, obwohl sie doch beide das gleiche Leid plagte.
Dieser schmerzvolle Blick und seine ungewohnt unbeherrschte Stimme. Er wich ihr aus – auch wenn er aufmerksam blieb und Dinge für sie erledigte.
Vor jedem Dank flüchtete er, jeden engeren Kontakt mied er. Das Schweigen herrschte erbittert, nur ein genuscheltes „tschuldigung“ ertönte ab und zu, wenn sie sich unabsichtlich berührten.
Auf einmal waren sie zwei Fremde, die vollkommen verschlossen und scheu voreinander waren. Dabei hatten sie so viel gemeinsam durchlebt. So viel schon geschafft. So viele Träume und Sehnsüchte geteilt.
Manchmal spürte sie das Kribbeln einer unbeabsichtigten Berührung noch den ganzen restlichen Tag, es hallte in ihrem Körper immer wieder nach und brannte an der Stelle, wenn sie daran dachte. Es war die Sehnsucht nach seiner Berührung, nach seiner Nähe, nach der Vertrautheit, die sie verbunden hatte.

Anfangs hatte er in ihrem gemeinsamen Bett weit weg von ihr meist stundenlang wach gelegen und mit leerem Blick die Decke angestarrt.
Doch dann hatte er nachts nicht einmal mehr die Schlafzimmertür geöffnet, sondern sich lautlos mit einer dünnen Decke auf das Sofa begeben. Und als sie am Morgen darauf die unberührte, kalte Betthälfte neben ihr bemerkt hatte, hatte sie sofort die Panik, Angst und Traurigkeit gepackt.
Panik, ob er ausgezogen, weggegangen war. Sie ohne weitere Worte verlassen hatte;
Angst, ob ihm etwas zugestoßen oder dies die endgültige Geste seines Aufgebens an dem UNS war.
Beides war verflogen gewesen, als sie ihn auf der Wohnzimmercouch schlafend erblickt hatte. Er war dageblieben, so wie er es all die Jahre auch gewesen war.
Aber als sie ihn so da liegen sah, bemerkte sie, dass sein friedlicher Gesichtsausdruck nicht zurückgekehrt war – Er kämpfte im Schlaf immer noch den Kampf , der eigentlich ihr GEMEINSAMER Kampf war.
Diese Traurigkeit stieg in ihr nahezu ins Unermessliche, es brach ihr das Herz, er litt und diesen Schmerz in sich hinein fraß.
So sehr sie ihn liebte, stets Tag für Tag mehr, es zerstörte sie jede Minute mehr, ihn so zu sehen und auf eine – für manche vielleicht – unverständliche Art und Weise zu vermissen.
Nach all dem Glück, den wundervollsten Momenten in ihrem Leben, hatte sie das Gefühl, dass es ihr nicht vergönnt war, glücklich zu sein und zu bleiben.

Sie blickte mit Tränen in ihren Augen auf das, was sie jetzt umgab: Blutbefleckte Scherben, ein Meer, das Schmerz symbolisierte, Scherben ihres Lebens…
War alles vorbei?
Was sollte und konnte sie bloß tun?
Wieder waren es diese Fragen, die sich ihr stellten, nach Antworten schrien und keine fanden.
Ihr fiel nichts ein, was annähernd eine Antwort hätte sein können. Außerdem hatten die Tränen ihr jegliche Konzentration geraubt.
Ein Schluchzen entfuhr ihr erneut bevor sie sich noch mehr zusammengekrümmt und verkrampft an dem Küchenstuhl neben ihr festklammerte – Den Kopf auf die Sitzfläche gelegt, sodass das Sitzpolster ihre Tränen aufsaugte und ein angenehmes Kühl verbreitete…
[…Fortsetzung folgt am Dienstag…]

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