Lesestoff

Scherbenhaufen – Teil 2 [Kurzgeschichte]

26. Januar 2016

Fortsetzung von Scherbenhaufen:

Sie war wohl eingeschlafen.
Noch nie hatte sie in diesen Tagen so lange durchgeschlafen.
Gähnend und blinzelnd öffnete sie ihre Augen. Ihr Blick fiel sofort auf diese vertraute Hand. Sie riss ihre Augen erschrocken auf, als sie erkannte, dass ihr Kissen sein Oberarm, die Wärme in ihrem Rücken sein Körper und der sanfte „Wind“, den sie zu spüren gedacht hatte, sein Atem war.
Ein hitziger, wärmeausstrahlender Punkt an ihrem Bauch entpuppte sich als seine Hand, die wärmend und sanft sie festhielt. Ihr Atem stockte überrascht und sie spürte wieder diese Spannung in ihrem ganzen Körper.
Ihr Blick glitt auf ihre Hände, die sich immer noch wund anfühlten, aber nicht mehr brannten. In ihrem Schlaf hatte sie gedacht, ihre Hände würden brennen und es hatte sie trotz der Schmerzen nicht gestört.
Und jetzt sah sie ihre liebevoll mit Verband umwickelten Hände.
Ihr Herz sprang unregelmäßig, ihre Gedanken waren nun völlig wirr, sie hielt nahezu den Atem an und ihr Körper versteifte sich krampfartig, weil sie nicht mehr wusste, wie und ob überhaupt sie sich bewegen sollte.

Er schien es zu spüren. Verunsicherung überfiel sie, als er sich bewegte und sein warmer Körper sich von ihr entfernte. Auch der Arm, der ihr als Kopfkissen gedient hatte, wurde ihr entzogen, so dass sie nur auf dem Kissen lag. Was nun?
Die Angst stieg in ihr immer mehr… Angst, dass nun alles wieder in den gestrigen Zustand zurückfiel, dass alles zu diesen einsamen Schmerzen zurückkehrte.
Plötzlich spürte sie etwas warmes, angenehm sanftes – Seine Hand fuhr behutsam und zitternd durch ihr Haar.
Es war ein mittlerweile so ungewohntes Gefühl, so verfremdet, dass sie eine Schauer von Gänsehaut überlief.
Sie kämpfte mit sich selbst, unsicher, ob sie sich in seine Richtung umdrehen oder reglos liegen bleiben sollte, damit er ja nicht aufhörte. Sie entschied sich für Letzteres, in der Hoffnung, dieser Moment würde nie enden.
Still und unbewegt lag sie da, bemüht ihren Atem zu kontrollieren…

…Regelmäßigkeit…

…Regelmäßigkeit…

Sie wiederholte das Wort in ihrem Kopf, wieder und wieder, und doch blieb in ihr diese aufgewühlte Unruhe. Seine Hand, die zärtlich ihren Haarschopf liebkoste, diese Finger, die immer sicherer und weniger zitternd mit ihren Haarsträhnen spielten – Sie konnte nicht anders als es zu genießen.
Sie ließ es zu, dieses Kribbeln, die wohltuende Wärme, aber auch die Funken der Liebe, die sie bewusst von ihm wahrnahm. Es fühlte sich neu an, als läge eine Ewigkeit zwischen dieser und der letzten Berührung.
In diesem Moment, als ihr genau dies bewusst wurde und auch der Grund dafür wieder in ihre Gedanken strömte, hatte sie noch mehr Angst, Angst ihn anzusehen, Angst vor dem, was sie in seinem Blick finden würde.
Wie ein feuerrotes Warnschild sprangen ihr all ihre Ängste und das Bild ihres eigenen Scherbenhaufens vor ihr inneres Auge, sie konnte nicht mehr wegschauen, nicht die Augen davor verschließen – Egal was sie tun würde, das Bild blieb und damit auch diese Angst.

Die Bewegungen verharrten erneut und in die Stille schlich sich eine Unsicherheit ein… Was würde nun geschehen?
Dann bewegte er sich wieder, legte sich hin. Decken raschelten und sie erschrak unter Schauern, als seine warme Haut sie an ihren Beinen und ihren Rücken berührte.
Wieder schloss sie die Augen und ließ diesen Moment einfach passieren, ließ das Wohlgefühl ein Wohlgefühl sein. Innen, tief in ihr, brannte es und sie selbst wusste nicht, was es zu bedeuten hatte.
Sie hoffte nur innig, dass es kein Traum war und nicht die letzte Berührung für immer. Was wenn diese Gefühle in Wirklichkeit sofort wieder erstickt werden würden in Distanz und Schweigen?!

„Es… tut… mir… Leid…“, flüsterte er stockend, seine Stimme ganz heiser.
Er legte seinen Arm unsicher um sie, die Hand platzierte er sacht auf ihrem Bauch, drückte sie leicht an sich. Er vermittelte ihr das Gefühl, dass er da war, dass sie nicht alleine war. Und auch, dass er jenen Anspruch auf sie erhob, den sie so vermisst hatte. Denn sie gehörte immer noch ihm, auch wenn diese Distanz sie verletzt hatte.
Tränen begannen ihr Auge zu befeuchten, wie ein Film legten sie sich erst über ihr Auge, bevor sie dem Kissen entgegenfielen.
Leise schluchzte sie, ganz unwillkürlich, und in ihrem Kopf herrschte ein reines Chaos, das sie nicht zu kontrollieren vermochte. Tränen, die den ganzen Schmerz, die fürchterliche Angst verkörperten; die nun aus ihr heraus kamen und wegfielen.

Erleichterung.

Er drehte sie sanft auf ihren Rücken und ihre Blicke trafen sich seit langem bewusst. Sofort mischte sich in seinen Blick Sorge, als er die Tränen erblickte und behutsam strich er mit seinem Finger einige davon weg.

„Es tut mir so Leid!!! Ich war so blind und egoistisch… Verzeih mir! Ich… Du…. Du hast so sehr gelitten und ich hab dich auch noch allein gelassen, nur an meine Schmerzen gedacht und zu ertragen versucht… Ich war nicht für dich da. Ich habe dir zusätzlich wehgetan… Ich bin so blind. Es tut mir so unbeschreiblich Leid, Liebling… Solange haben WIR gehofft, WIR haben uns schließlich so gefreut und dann… Es war unser Kind, nicht nur deins oder meins. Und ich habe nicht versucht deinen Schmerz zu verkleinern… Ich habe nie aufgehört dich zu lieben, mein Liebling, aber ich habe dir meine Liebe auf einmal nicht mehr gezeigt. Erst gestern hast du mir die Augen geöffnet… Dein Scherbenhaufen… Und es hat mich zerrissen… Wie du gekrümmt und blutend in der Küche saßt und auf dem Stuhl eingeschlafen bist… Dieser Anblick hat mich wachgerüttelt… Ich habe verstanden, dass ich dir noch mehr weh tue mit meinem Verhalten… Ich weiß nicht, wie ich das gut machen kann oder ob es jemals gut zu machen ist. Aber jetzt bin ich HIER, hörst du? Nur hier bei dir, ganz allein mit allem was ich habe. Und ich werde alles dafür tun, dass die Wunden narbenlos verheilen und ein Lächeln auf dein schönes Gesicht wiederkehren kann… Ich liebe dich und ich hoffe, dass du mir verzeihen kannst…“ Er schluckte schwer, als würde er nach diesem Schwall an Worten sich verschlucken.
Sein Blick unterstrich die Ernsthaftigkeit seiner Worte und die Schuldgefühle, die er sich machte. Verstärkt strömten nun Tränen ihr Gesicht hinab und sie schloss die Augen, da sie ihn nur noch verschwommen wahrnahm. Ein feuchter Kuss auf ihrer Stirn, langsam, behutsam, andauernd…

Sie spürte sein Zittern und das ließ sie erschauern. Sie schlang ihre Arme um ihn – dann kuschelte sie sich an seine Brust, das Gesicht an seiner hitzigen Haut anlegend. Sie spürte seinen Herzschlag – unregelmäßig und fest. Seine Hand lag erst einmal nur um sie, er war viel zu überrascht, dass sie sich weinend an ihn schmiegte, bis er schließlich reagierte und sie fest an sich drückte und mit den Fingern tröstend durch ihr Haar fuhr …
„Ich bin da… Zeig mir deinen Schmerz, damit ich ihn mit dir teilen kann…“, murmelte er in ihr Haar, damit sie alles herausließ. Es war ihm bewusst, dass er das viel zu spät sagte, dass er schon Wochen vorher diese Einsicht hätte haben sollen. Er fühlte sich schlecht und die Tränen, die seine Augen verließen waren gefüllt mit Trauer und Reue.

In ihr kamen nach diesen Worten Bruchstücke der vergangenen Jahre in den Kopf, beginnend mit dem Frauenarzt, Gespräche über den Kinderwunsch, die vielen Ratschläge, weil sie einfach nicht schwanger zu werden schien…
Der Druck ihrer Familien, den sie von Tag zu Tag mehr auf sich gespürt hatte. Das hatte nur zu noch mehr Problemen geführt…
Diese Enttäuschung, wenn jedes Mal trotz der unermüdlichen Bemühungen ihre Periode eintrat. Bis nach einer Ewigkeit, ein ganzes Jahr später der Streifen endlich zwei Striche verkündete…
Diese Glücklichkeit, die sie beide geteilt hatten und die Vorfreude auf ihr gemeinsames Kind…
Vier Monate später…
Fehlgeburt.

Bei der Erinnerung, bei dem Wort, zuckte sie automatisch zusammen und schluchzte kräftig – und er drückte sie fester an sich, denn er wusste zu gut, woran sie gerade dachte, denn er hatte genau denselben Schmerz bei jener Nachricht, bei jenem Geschehen verspürt und spürte ihn immer noch, als wäre es erst vor einigen Stunden gewesen. Nur ein Teil des Schmerzens war ihm genommen, denn er hatte zu jenem Zeitpunkt gedacht, sie würde sterben müssen. Er hatte sie nicht verlieren wollen… Nicht beide…
Dieser eine Tag hatte nicht nur das Leben ihres Kindes gekostet, sondern auch all die Freude und Glücklichkeit nach all der Anstrengung und Hoffnung zerstört und beinahe ihr gemeinsames Leben zerrissen, ihre Liebe…
Es war ein Tag, über den sich ein Schatten gelegt hatte und der immer in ihren Erinnerungen präsent sein würde.
Er drückte sie so fest er konnte an sich und sein ganzer Körper sprach ihr seine tiefste Liebe aus.

Mit einem Glas Wasser kehrte er zurück zu der Frau, die er so liebte, die so viel Schmerz ertragen hatte an ihrem eigenen Körper und die er im Stich gelassen, verletzt hatte. Nun hatte sie zu weinen aufgehört und von ihren Tränen zeugten ihre geschwollenen Augen und all die Taschentücher, die sie schließlich gebraucht hatte.
Er half ich das Glas in ihren wunden, verbundenen Händen zu halten und zu ihrem Mund zu führen. Dann setzte er sich dicht neben sie, beugte sich leicht vor und küsste sie auf ihre weichen Lippen, die er viel zu lange unberührt gelassen hatte.
Sie erwiderte seine Gefühle, die er in diese Berührung steckte.
Eine unbeschreibliche Wärme breitete sich in ihnen beiden aus und damit auch das Gefühl, dass keiner von ihnen mehr alleine war…
Er war bei ihr, er hatte nicht aufgegeben und besonders sie nicht aufgegeben.
Ihre Lippen lösten sich voneinander und langsam öffnete sie ihre Augen, nur um sich dann in den warmen und vertrauten, sie liebevoll anschauenden Augen zu verlieren.
Sie sah den Schmerz tief in seinen Augen aufflackern, aber auch seine Schuldgefühle, die sie ihm genau in diesem Moment so gerne nehmen wollte. Aber ihr fehlten einfach die Worte, einfach ihre Stimme…
„Ich liebe dich, Schatz. Und ich glaube daran, dass wir es gemeinsam schaffen… Egal, wie viel Anstrengung und Nerven es wieder kosten wird – WIR werden es schaffen, hörst du? WIR können es… noch mal versuchen… wenn du magst….“ Er legte seine Hand auf ihren Bauch und unterstrich seine Worte mit dieser simplen Geste. „Wir waren so kurz davor…“

Sie schlang sehnsüchtig ihre Arme um seinen Körper und zog ihn an sich. Ihre Lippen trafen unter einer steigenden Spannung und Leidenschaft aufeinander und langsam, ganz langsam, kehrte das Gefühl eines Neuanfangs ein, während sie neu den Körper des anderen erkundeten und sich voller Liebe vereinten, der Liebe willen… Und irgendwo schimmerte ein kleiner Funken Hoffnung hervor… Die Hoffnung auf die Schwangerschaft, die ein neues Leben in die Welt bringen würde.

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