Lesestoff

Ein wärmendes Gefühl [Kurzgeschichte von Charlotte Tamina]

10. Januar 2016

Farben, überall. Sanft schillernde Farbtöne, wärmend und lebendig. Eine unzählige Anzahl erblickte sie, ganz egal wo sie hinschaute.

Es füllte sie mit Wärme aus, selbst in den kleinsten Winkeln ihres so zerbrechlichen Herzens.
Ihr Blick schweifte zur Sonne, es war ihre Sonne, ihr Stern, der alles so zum Leuchten brachte, der ihre Welt erhellte. Er stand neben ihr und lächelte sie an. Seine Augen hatten diese unendliche Tiefe, diese beruhigende, weiche Tiefe, die sie jedes Mal erstarren ließ. Augen, die so unglaublich warm, geheimnisvoll und fesselnd waren.
Und allein seine Anwesenheit ließ selbst diese frostigen Wintertage in einer solchen Wärme aufblühen, dass sie wie betäubt an seiner Seite wandelte, fasziniert von diesem Gefühl, dass sich Liebe nannte…
Liebe.
Sie hatte immer gehofft dieses Gefühl einmal zu erleben. Sie hatte nie daran geglaubt, dass es jemanden gab, der sie wertschätze und bedingungslos liebte. Aber er stand da, neben ihr, betrachtete sie und niemand anderen, trug sie auf Händen und ließ sie seine Liebe zu ihr spüren.
Er kümmerte sich aufrichtig um sie, trocknete ihre Tränen mit seinen bloßen Händen, fing jeden Tropfen auf und verwandelte sie zu Kristallen der Vergangenheit. Ihr Leid war seines, und andersherum verspürte sie genauso. Sein Kuss war die pure Leidenschaft, aus der die Liebe selbst sprach und sie vereinte, als wären sie eine Seele in zwei verschieden Körpern. Er wusste, wann sie von Herzen lachte, wann es ihr gut ging, wann sie die Sehnsucht packte. Er kannte sie manchmal besser als sie sich selbst. Und andersherum war es sicherlich genauso.
Die Komplimente, die er ihr ständig machte, ließ sie stets verlegen werden und jedes erneute Mal überraschte er sie durch seine bedingungslose Liebe und Aufmerksamkeit. All die Mädchen interessierten ihn nicht – ausgerechnet sie war das Wertvollste in seinem Leben. Sie hatte es versucht zu verstehen, aber sie begriff, dass dieses Gefühl der Liebe vom Verstand unbegreiflich war.

Er berührte ihre Wange und es war, als wäre seine Hitze wie ein Funken auf sie übergesprungen und entzündete in ihr diese lodernden Flammen. Explodierende Wärme breitete sich in ihr aus, ebenso ihr Verlangen, das allmählich aufgebaut wird und nach einer Stütze verlangt, weil es alleine nicht zu stehen vermag. Und diese Stütze war niemand anderes als er, der Baumeister, der sein Kunstwerk verstand und liebte. Sie war ganz sein und konnte sich, selbst wenn sie wollen würde, einfach nicht losreißen aus diesem Sturm an Gefühlen.

In solchen Momenten spürte sie, dass sie nichts auf dieser Welt mehr verlangte. Genau jetzt wusste sie, dass all das Leiden, all jener Schmerz nicht umsonst gewesen war. Es war als wären die strömenden Tränen und die herzzerreißenden Erlebnisse der Preis dafür gewesen, damit sie nun diese Glücklichkeit in vollen Zügen wertschätzen konnte.
Denn für sie hatte das Leben bisher wie ein Minenfeld gewirkt – als lauerten überall Menschen, die andere verletzten, die die Macht besaßen, anderen wehzutun.
Und als würde das Leben überall kleine Fallen an Gefühlen, Falschheit und Herzlosigkeit aufstellen, die gnadenlos zuschnappten und einen nicht mehr freiließen.

Sie gehörte zu den Menschen, die ihre Wunde immer in ihrem Herzen tragen mussten, in der Hoffnung, dass sie sich nicht vergrößerte, die hofften, dass ihr Vertrauen in andere nicht umsonst war, selbst wenn es ihnen größte Mühe abverlangte, weiterhin anderen zu vertrauen. Auch gehörte sie zu jenen, die den Glauben an ihre Liebe verloren hatten, an ihr eigenes Glück.
Sie hatte sich immer danach gesehnt, ihre zweite Hälfte zu finden. Andererseits war sie immer kurz davor gewesen, aufzuhören daran zu glauben – tausende Fragen, endloser, quälender Selbstzweifel.
Beinahe wäre sie an all den Tiefen verzweifelt und hätte aufgegeben. Sie hatte sich geschworen, nie wieder einen Menschen zu nahe an sich ranzulassen. Die Angst, dass sie immer wieder genauso behandelt und enttäuscht wurde, war einfach viel zu groß und die schmerzhafte Erfahrung einfach viel zu präsent…
.
Und doch stand jetzt neben ihr ein Mensch, der sich ihr Herz erkämpft hatte, wie es ein goldener Ritter tat. Der ihre Geschichte kannte, ihr zuhörte und sie verstand. Der anders war als alle davor und der nie aufgab sie ständig neu zu erobern. Der nie aufgegeben hatte ihr Vertrauen und somit auch letztendlich ihre Liebe zu erhalten. Er war einfach anders und das war das Gute.
Er akzeptierte sie so wie sie war, ohne Wenn und Aber. Und sie hoffte nur, dass sie ihn genauso glücklich machen konnte, weil er es einfach verdient hatte.
Aber es gab ein Problem, dass sie noch zu bekämpfen versuchte. Eine Sache, die sie aber nicht übers Herz brachte ihm zu sagen.
Jedes Mal, wenn sie sich verabschiedeten zerbrach ihr fast das Herz, wenn sie ihn gehen sah. Die Angst, er würde nicht mehr umdrehen; nie wieder zurückkehren. Aber auch diese Angst vor ihren Gedanken, die sie einholen könnten und würden. Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Spekulationen und Gefühle.

Eine alte Wunde, die wieder aufriss und nur in seiner Gegenwart wie ein hauchdünner, haarfeiner Strich auf ihrem Herzen erschien. Eine Wunde, die tief klaffte, ihr Tränen wie Morgentau auf die Wangen legte und ihr jeglichen Schlaf entzog. Tränen, die diese in einem Moment noch so schön bunte Welt wieder ergrauen ließen, wie Regenwolken vor diese sonnigen Momente zogen.
Es war ein Gewitter an Gedanken, das sich  über ihrem Kopf zusammenbraute, ein Unheil, das sie mit aller Kraft nicht bekämpfen konnte. Warum konnte diese Wunde nicht einfach verheilen?
Schließlich musste sie ja damit leben, dass sie ihn nicht rund um die Uhr jeden Tag bei sich haben konnte. Das war egoistisch und schier unmöglich.
Aber sie konnte gar nicht anders. Er hatte in ihr diese unstillbare Sehnsucht geweckt, denn nur bei ihm fühlte sie sich vollständig und beschützt, sorgenlos und verstanden. Und dieses wärmende Gefühl an Liebe gab ihr Halt und Zuversicht, neue Hoffnung und neues Vertrauen.
Sie seufzte schwer. Wie viel Geduld sollte sie noch aufbringen?
Sie ergriff seine große, warme Hand, als sie seinen besorgten Blick bemerkte. Er hatte sie bei ihren Gedanken beobachtet und in ihr wie in einem Buch gelesen.
Sie umschloss diese kräftige Hand fester und erst ihr von Herzen kommendes Lächeln zauberte auch ihm wieder eine Erleichterung ins Gesicht. Diesen Gesichtsausdruck liebte sie. Genau diesen Blick. Und genau diesen Moment wollte sie für immer bewahren, koste es was es wolle.
© Charlotte Tamina

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